Ratgeber · Fristen, Formulare und Verordnung · Stand 25.10.2026

Indikationsschlüssel Physiotherapie: Was heute auf dem Rezept steht

Der Indikationsschlüssel, etwa „WS2a“, wird seit dem 1. Januar 2021 nicht mehr auf das Heilmittelrezept eingetragen. Stattdessen stehen die Diagnosegruppe (zum Beispiel WS), die Leitsymptomatik (a, b, c oder x) und der ICD-10-Code getrennt auf dem Muster 13. In älteren Ratgebern und Praxisunterlagen taucht der Begriff weiterhin auf.

Was war der Indikationsschlüssel, und gibt es ihn noch?

Bis Ende 2020 trug jedes Heilmittelrezept einen Indikationsschlüssel. Er fasste Diagnosegruppe, Ziffer und Leitsymptomatik in einem Code zusammen, zum Beispiel WS2a. Mit dem neuen Muster 13 und der überarbeiteten Heilmittel-Richtlinie entfällt dieser Eintrag. Nach der Ausfüllhilfe der KV Sachsen-Anhalt wird auf der Heilmittelverordnung ab dem 1. Januar 2021 kein Indikationsschlüssel mehr eingetragen, Diagnosegruppe und Leitsymptomatik stehen getrennt.

Das Rezept ist also nicht unvollständig, wenn ein Code wie WS2a fehlt. Wer heute nach dem Indikationsschlüssel sucht, will in der Regel wissen, welche Angaben auf dem Rezept die Behandlung steuern. Das sind die Diagnosegruppe und die Leitsymptomatik. Beide ordnen Ihre Beschwerden einer Zeile im Heilmittelkatalog zu, und daraus ergeben sich die verordnungsfähigen Heilmittel und die Mengen.

Das Muster 13 gilt außerdem für alle Heilmittelbereiche. Den Bereich, also Physiotherapie, Podologie, Stimm-, Sprech-, Sprach- und Schlucktherapie, Ergotherapie oder Ernährungstherapie, kann die Praxissoftware aus der gewählten Diagnosegruppe ableiten.

Was steht heute auf dem Heilmittelrezept?

Die Heilmittel-Richtlinie (§ 13 Abs. 2) schreibt vor, welche Angaben die Verordnung enthalten muss. Für das Verständnis Ihres Rezepts sind diese Felder wichtig:

AngabeInhaltBeispiel
DiagnoseKonkrete behandlungsrelevante Diagnose, grundsätzlich als ICD-10-Code, der Klartext darf ergänzt werdenM51.1
DiagnosegruppeKürzel der Gruppe im HeilmittelkatalogWS
LeitsymptomatikBuchstabe a), b), c) oder Klartext, auch mehrere möglicha
HeilmittelVorrangiges Heilmittel, gegebenenfalls ein ergänzendesKG
BehandlungseinheitenAnzahl, höchstens die Höchstmenge der Diagnosegruppe6
TherapiefrequenzAuch als Spanne möglich1 bis 3 Mal wöchentlich
Dringlicher BehandlungsbedarfKennzeichnung verkürzt die Beginnfrist von 28 auf 14 Kalendertageangekreuzt oder leer
Hausbesuch, TherapieberichtJa oder nein beziehungsweise Ankreuzfeldnein

Ein zweiter ICD-10-Code ist nur bei bestimmten Diagnosen des besonderen Verordnungsbedarfs nötig, wenn die Diagnoseliste das zur Spezifizierung verlangt.

Diagnosegruppen der Physiotherapie im Überblick

Der Heilmittelkatalog gliedert die Physiotherapie in vier Bereiche. Auf dem Rezept stehen seit 2021 nur noch die Kürzel der Gruppen.

Bereich im KatalogDiagnosegruppenInhalt
Erkrankungen der Stütz- und BewegungsorganeWS, EX, CSWirbelsäulenerkrankungen; Erkrankungen der Extremitäten und des Beckens; chronifiziertes Schmerzsyndrom
Erkrankungen des NervensystemsZN, PNZNS-Erkrankungen einschließlich Rückenmark und neuromuskuläre Erkrankungen; periphere Nervenläsionen und Muskelerkrankungen
Erkrankungen der inneren OrganeAT, GE, LYStörungen der Atmung; arterielle Gefäßerkrankungen; Lymphabflussstörungen
Sonstige ErkrankungenSO1 bis SO5Zum Beispiel Störungen der Dickdarmfunktion (SO1), der Ausscheidung (SO2) oder Schwindel (SO3)

Welche Diagnosegruppe passt, entscheidet die Ärztin oder der Arzt nach der Untersuchung. Die Indikation ergibt sich nicht aus der Diagnose allein, sondern aus der Gesamtbetrachtung der Schädigungen, der Beeinträchtigung der Aktivitäten und der Kontextfaktoren (§ 3 Abs. 5 HeilM-RL).

Leitsymptomatik a, b, c oder x: Was die Buchstaben bedeuten

Die Leitsymptomatik beschreibt, welche Schädigung im Vordergrund steht. Der Katalog nennt dafür je Diagnosegruppe Regelbeispiele, gekennzeichnet mit Buchstaben. Bei den Wirbelsäulenerkrankungen (WS) sind das:

  • a) Schädigung der Bewegungssegmente, zum Beispiel der Gelenkbeweglichkeit und -stabilität oder lokaler beziehungsweise (pseudo)radikulärer Schmerz
  • b) Schädigung oder Störung der Muskelfunktion, zum Beispiel von Kraft, Ausdauer, Koordination oder Muskeltonus, auch sekundäre Schmerzen
  • x) patientenindividuelle Symptomatik

Die Buchstaben sind keine Schweregrade und keine Rangfolge. Sie sagen nur, welches Regelbeispiel auf Ihre Beschwerden zutrifft. Die Ärztin oder der Arzt kann auch mehrere Leitsymptomatiken ankreuzen oder eine individuelle Symptomatik als Freitext eintragen. Voraussetzung dafür ist, dass sie sich der Diagnosegruppe zuordnen lässt und mit den Regelbeispielen vergleichbar ist (§ 13 Abs. 2 Buchstabe l). Zusätzlich dürfen Therapieziele auf dem Rezept stehen. Wählt die Praxis die Leitsymptomatik aus dem Katalog, ergänzt die Verordnungssoftware den Klartext automatisch.

Beispiel: So lesen Sie ein Rezept

Beispiel (frei gewählt, keine Behandlungsempfehlung): Auf dem Rezept steht der ICD-10-Code M51.1 (lumbaler Bandscheibenschaden mit Radikulopathie), die Diagnosegruppe WS und die Leitsymptomatik a). Verordnet sind 6 Einheiten Krankengymnastik (KG), Frequenz 1 bis 3 Mal wöchentlich.

Daraus lesen Sie ab: Die Gruppe WS erlaubt laut Katalog bis zu 6 Einheiten je Rezept, die orientierende Behandlungsmenge liegt bei bis zu 18. Mit der Gruppe WS und den ersten drei Stellen des ICD-10-Codes, also M51, ist der Verordnungsfall bestimmt. Ein weiteres Rezept mit derselben Kombination gehört zu diesem Fall, solange nicht 6 Monate ohne Verordnung vergangen sind (§ 7 Abs. 1). Ist das Feld „dringlicher Behandlungsbedarf“ leer, haben Sie 28 Kalendertage ab Ausstellung Zeit, die Behandlung zu beginnen.

Warum die Angaben für Praxen und Abrechnung zählen

Für Therapeutinnen und Therapeuten ist das Rezept die Arbeitsgrundlage. Anlage 3 der Heilmittel-Richtlinie legt fest, wie Fehler oder Lücken bei diesen Angaben korrigiert werden:

AngabeÄnderung möglich durch
DiagnosegruppeNur mit erneuter Unterschrift und Datum der verordnenden Person
Konkrete Diagnose (ICD-10)Nur mit erneuter Unterschrift und Datum der verordnenden Person
Heilmittel, das nach Diagnosegruppe nicht verordnungsfähig istNur mit erneuter Unterschrift und Datum der verordnenden Person
Kennzeichnung eines dringlichen BehandlungsbedarfsNur mit erneuter Unterschrift und Datum der verordnenden Person
LeitsymptomatikIm Einvernehmen mit der verordnenden Person, ohne neue Unterschrift
TherapiefrequenzIm Einvernehmen mit der verordnenden Person, ohne neue Unterschrift
HeilmittelbereichNach Information der verordnenden Person, ohne neue Unterschrift

Die Diagnosegruppe und der ICD-10-Code haben noch eine zweite Wirkung: Anhand des Codes werden Verordnungen erfasst, die als langfristiger Heilmittelbedarf nicht Gegenstand von Wirtschaftlichkeitsprüfungen sind oder als besonderer Verordnungsbedarf aus dem Verordnungsvolumen herausgerechnet werden. Wer als Berufsanfängerin oder Berufsanfänger Rezepte prüft, sollte diese Felder deshalb besonders genau lesen.

Häufige Missverständnisse

  • „Auf meinem Rezept fehlt der Schlüssel.“ Das ist seit 2021 richtig so. Prüfen Sie stattdessen Diagnosegruppe, Diagnose und Leitsymptomatik.
  • „Die Diagnosegruppe ist meine Diagnose.“ Die Gruppe bündelt viele Erkrankungen mit ähnlichen Schädigungsbildern. Ihre konkrete Diagnose steht als ICD-10-Code daneben.
  • „Der Buchstabe sagt, wie schwer es ist.“ Die Buchstaben beschreiben das Schädigungsbild, nicht den Schweregrad.
  • „Ich kann mir das Heilmittel aussuchen.“ Art, Menge und Frequenz wählt die verordnende Person nach Befund, Zielen und Kontextfaktoren (§ 12 Abs. 1). Ihre Wünsche zählen dabei, ersetzen die ärztliche Entscheidung aber nicht.

Dieser Ratgeber ersetzt keine ärztliche Beratung. Fragen zu Ihrer Diagnose und zur Auswahl der Heilmittel klären Sie mit Ihrer behandelnden Praxis.

Häufige Fragen

Was ist ein Indikationsschlüssel bei der Physiotherapie?

Der Indikationsschlüssel war ein Code auf dem Heilmittelrezept, der Diagnosegruppe, Ziffer und Leitsymptomatik zusammenfasste, zum Beispiel WS2a. Er ordnete die Beschwerden einer Zeile im Heilmittelkatalog zu.

Gibt es den Indikationsschlüssel noch?

Nicht auf dem Rezept. Seit dem 1. Januar 2021 werden die Diagnosegruppe und die Leitsymptomatik auf dem Muster 13 getrennt angegeben.

Was bedeutet WS oder EX auf dem Physiotherapie-Rezept?

Es sind Kürzel der Diagnosegruppen im Heilmittelkatalog. WS steht für Wirbelsäulenerkrankungen, EX für Erkrankungen der Extremitäten und des Beckens.

Was bedeutet Leitsymptomatik a, b, c oder x?

Die Buchstaben bezeichnen Regelbeispiele für Schädigungen, bei denen Heilmittel verordnungsfähig sind. x steht für eine patientenindividuelle Symptomatik. Sie sagen nichts über den Schweregrad.

Darf die Physiopraxis die Diagnosegruppe auf dem Rezept ändern?

Nein. Eine Änderung der Diagnosegruppe oder der Diagnose braucht eine erneute Unterschrift mit Datum der verordnenden Ärztin oder des Arztes. Die Leitsymptomatik lässt sich im Einvernehmen mit der verordnenden Person ändern.

Wo finde ich die Diagnosegruppen und Mengen im Heilmittelkatalog?

Der Heilmittelkatalog ist Teil der Heilmittel-Richtlinie und beim G-BA als PDF veröffentlicht. Er listet je Diagnosegruppe die Heilmittel, Höchstmengen, orientierenden Behandlungsmengen und Frequenzen.

Quellen

Zuletzt geprüft am 25.10.2026. Rechtliche und finanzielle Angaben können sich ändern.