Ratgeber · Besondere Situationen und Zielgruppen · Stand 25.10.2026

Physiotherapie für Senioren und Sturzprophylaxe: Hinweise für Angehörige

Physiotherapie bei Sturzgefahr zahlt die Krankenkasse nur auf ärztliches Rezept mit Diagnose, auch bei Pflegegrad. Die Pflegekasse zahlt dagegen Pflegegeld und Zuschüsse, zum Beispiel bis zu 4.180 Euro je Maßnahme für einen altersgerechten Wohnungsumbau. Gesetzlich Versicherte zahlen 10 Prozent plus 10 Euro je Verordnung.

Physiotherapie im Alter: Rezept von der Ärztin, nicht von der Pflegekasse

Wer einen Pflegegrad hat, bekommt Physiotherapie trotzdem nicht über die Pflegekasse. Physiotherapie ist ein Heilmittel der Krankenversicherung nach § 32 SGB V. Sie braucht eine ärztliche Verordnung mit Diagnose, ausgestellt von der Haus- oder Fachärztin. Die Pflegeversicherung nach SGB XI zahlt dagegen Pflegegeld, Pflegesachleistungen und Zuschüsse, etwa zum Umbau der Wohnung.

LeistungZuständigGrundlage
Physiotherapie, KrankengymnastikKrankenkasse, auf Rezept§ 32 SGB V
Pflegegeld, PflegesachleistungPflegekasse§§ 36, 37 SGB XI
Zuschuss zum Wohnumfeld (Haltegriffe, Umbau Bad)Pflegekasse§ 40 SGB XI
Hilfsmittel wie RollatorKrankenkasse, auf RezeptSGB V

Das Pflegegeld beträgt nach § 37 SGB XI je Monat laut aktuellem Gesetzestext 347 Euro im Pflegegrad 2, 599 Euro im Pflegegrad 3, 800 Euro im Pflegegrad 4 und 990 Euro im Pflegegrad 5. Es steht nicht für Physiotherapie, sondern für die Pflege zu Hause zur Verfügung.

Was bedeutet Sturzprophylaxe?

Stürze können im Alter zu Verletzungen führen. Sturzprophylaxe meint alle Maßnahmen, die das Risiko verringern: Kraft und Gleichgewicht trainieren, Medikamente ärztlich überprüfen lassen, Sehhilfen kontrollieren, die Wohnung anpassen und passendes Schuhwerk tragen. Der Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege des DNQP wurde im August 2022 zum zweiten Mal aktualisiert und beschreibt, wie Pflegefachkräfte das Sturzrisiko einschätzen und Maßnahmen planen.

Wichtig für Angehörige: Die Physiotherapie ist ein Baustein. Sie ersetzt weder die ärztliche Abklärung der Ursachen noch bauliche Anpassungen. Wer nach einem Sturz Schmerzen, Schwindel oder neue Schwäche bemerkt, sollte ärztlich untersucht werden.

Wann gibt es Physiotherapie wegen Sturzgefahr auf Rezept?

Ein Rezept setzt eine Diagnose voraus. Sturzneigung allein, ohne ärztlich festgestellte Schädigung von Körperfunktionen oder -strukturen, reicht in der Regel nicht für ein Kassenrezept aus. Verordnet wird Physiotherapie beispielsweise bei:

  • Erkrankungen des Nervensystems wie Parkinson, Schlaganfallfolgen oder Multiple Sklerose (Gruppe ZN, bis zu 10 Behandlungen je Verordnung)
  • Gelenk- und Muskelerkrankungen, etwa Arthrose oder Zustand nach Hüft- oder Knieoperation (Gruppe EX, bis zu 6 Behandlungen je Verordnung)
  • Wirbelsäulenbeschwerden mit Einschränkung von Gang und Haltung
  • Zustand nach Sturz mit Fraktur

Ziele der Behandlung sind etwa Kraft, Gleichgewicht, Gangsicherheit und Aufstehen aus Stuhl oder Bett. Die Zuzahlung beträgt für gesetzlich Versicherte 10 Prozent der Kosten plus 10 Euro je Verordnung (§ 61 SGB V). Wer die Belastungsgrenze von 2 Prozent (chronisch Kranke 1 Prozent) der Bruttoeinnahmen erreicht, wird für das Kalenderjahr befreit (§ 62 SGB V).

Langfristiger Heilmittelbedarf und Hausbesuch

Bei dauerhaften schweren Erkrankungen kann ein langfristiger Heilmittelbedarf bestehen. Nach § 32 Absatz 1a SGB V legt der G-BA fest, wann das der Fall ist, und die Diagnosen stehen in Anlage 2 der Heilmittel-Richtlinie. Ärztinnen können dann Verordnungen über bis zu 12 Wochen Behandlungsdauer ausstellen (§ 7 Absatz 6). Bei Anlage-2-Diagnosen findet kein Antrags- und Genehmigungsverfahren statt (§ 8 Absatz 2). Bei vergleichbar schweren, nicht gelisteten Schädigungen entscheidet die Krankenkasse auf Antrag innerhalb von vier Wochen, sonst gilt die Genehmigung als erteilt.

Kann Ihr Angehöriger die Praxis nicht aufsuchen, ist ein Hausbesuch möglich. Voraussetzung ist, dass die Ärztin ihn verordnet und medizinisch begründet: Der Patient kann die Praxis aus medizinischen Gründen nicht aufsuchen, oder die Behandlung zu Hause ist zwingend nötig. Bei Pflegeheimen gelten zusätzliche Verträge, die Sie bei Heim und Kasse erfragen sollten.

Auf welche Rezeptregeln Angehörige achten sollten

Wer ein Rezept für eine Angehörige oder einen Angehörigen abholt, kann Rückfragen vermeiden:

  • Prüfen Sie, ob Diagnose, Heilmittel, Zahl der Behandlungen, Frequenz und das Feld „Hausbesuch“ ausgefüllt sind.
  • Notieren Sie das Ausstellungsdatum. Die Behandlung muss innerhalb von 28 Kalendertagen beginnen, bei dringlichem Bedarf innerhalb von 14 Tagen.
  • Vereinbaren Sie Termine so, dass keine Pause von mehr als 14 Tagen entsteht. Sonst kann das Rezept verfallen.
  • Bitten Sie die Ärztin frühzeitig um ein Folgerezept, wenn die Behandlung noch nicht abgeschlossen ist.
  • Bewahren Sie Zuzahlungsquittungen auf. Bei der Belastungsgrenze werden die Zuzahlungen und Einnahmen von Ehegatten und Angehörigen im gemeinsamen Haushalt zusammengerechnet (§ 62 SGB V).

Wenn mehrere Verordnungen für verschiedene Diagnosen nötig sind, stellt die Ärztin getrennte Rezepte aus. Eine Doppelbehandlung am selben Tag ist nur in begründeten Ausnahmefällen vorgesehen.

Was können Angehörige konkret tun?

  1. Hausarztbesuch vereinbaren und Sturzereignisse, Schwindel und Medikamente ansprechen.
  2. Rezept mit Diagnose besorgen und im Feld „Hausbesuch“ den Bedarf klären.
  3. Praxis suchen, die geriatrische Patienten behandelt. Fragen Sie nach Erfahrung mit Gang- und Gleichgewichtstraining.
  4. Wohnung prüfen: Stolperfallen wie lose Teppiche, schlechtes Licht, fehlende Haltegriffe.
  5. Zuschuss nutzen: Die Pflegekasse kann bei vorhandenem Pflegegrad Maßnahmen zur Wohnumfeldverbesserung mit bis zu 4.180 Euro je Maßnahme bezuschussen (§ 40 SGB XI).
  6. Beratung einholen beim Pflegestützpunkt oder bei der Pflegeberatung der Kasse.

Beim Pflegegeld gehört ein Beratungsbesuch dazu, halbjährlich, bei Pflegegrad 4 und 5 auf Wunsch auch vierteljährlich (§ 37 Absatz 3 SGB XI). Nutzen Sie ihn, um Sturzgefahren in der Wohnung ansprechen zu lassen.

Pflegehilfsmittel und Wohnumfeld: Was die Pflegekasse beisteuert

Zur Sturzvorbeugung gehören auch Hilfen im Alltag. Welche davon die Pflegekasse bei vorhandenem Pflegegrad übernimmt, regelt § 40 SGB XI:

LeistungRegelung
Pflegehilfsmittel zum Verbrauch (zum Beispiel Einmalhandschuhe)bis zu 42 Euro im Monat
Technische Pflegehilfsmittelsollen vorrangig leihweise überlassen werden, Zuzahlung ab 18 Jahren 10 Prozent, höchstens 25 Euro je Hilfsmittel
Wohnumfeldverbessernde MaßnahmenZuschuss bis 4.180 Euro je Maßnahme
Mehrere Pflegebedürftige in einer Wohnung4.180 Euro je Person, insgesamt höchstens 16.720 Euro je Maßnahme
Entscheidungsfrist der Pflegekassedrei Wochen, bei Einbeziehung von Pflegefachperson oder Medizinischem Dienst fünf Wochen

Kommt innerhalb der Frist weder eine Entscheidung noch eine begründete Mitteilung, gilt die Leistung nach dem Gesetz als genehmigt. Stellen Sie den Antrag deshalb schriftlich und notieren Sie das Eingangsdatum. Pflegefachpersonen können bei der Pflegeberatung oder beim Beratungsbesuch konkrete Empfehlungen zu Hilfsmitteln geben (§ 40 Absatz 6 SGB XI).

Ein Rollator oder ein anderes Hilfsmittel für die Gehfähigkeit ist dagegen in der Regel eine Leistung der Krankenkasse, auf Verordnung. Die Zuzahlung beträgt dort 10 Prozent des Betrags, mindestens 5 und höchstens 10 Euro (§ 33 in Verbindung mit § 61 SGB V). Welche Kasse zuständig ist, klärt die Stelle, bei der Sie den Antrag stellen.

Präventionskurse und Bewegungsangebote

Ohne Diagnose kommen Kurse infrage. Zertifizierte Bewegungskurse zur Prävention bezuschussen viele Krankenkassen, nachdem die Zentrale Prüfstelle Prävention sie geprüft hat. Auch Kurse für Ältere in Vereinen, Seniorenzentren und Volkshochschulen können Gleichgewicht und Kraft fördern. Fragen Sie bei Ihrer Kasse nach Zuschüssen und lassen Sie sich Teilnahmebescheinigungen ausstellen. Bei Vorerkrankungen sprechen Sie vorher mit Ihrer Ärztin.

Häufige Fragen

Zahlt die Krankenkasse Physiotherapie zur Sturzprophylaxe?

Auf Rezept, wenn eine Diagnose vorliegt, zum Beispiel Parkinson, Arthrose oder Zustand nach Fraktur. Sturzneigung allein reicht für ein Rezept nicht, dann kommen Präventionskurse infrage.

Bekommt man mit Pflegegrad automatisch Physiotherapie?

Nein. Physiotherapie wird von der Ärztin verordnet und von der Krankenkasse bezahlt. Die Pflegekasse zahlt Pflegegeld und andere Leistungen des SGB XI.

Was kostet Physiotherapie für Senioren?

Gesetzlich Versicherte zahlen 10 Prozent der Kosten plus 10 Euro je Verordnung, bis die Belastungsgrenze erreicht ist (2 Prozent, bei chronisch Kranken 1 Prozent der Bruttoeinnahmen).

Kann die Physiotherapeutin ins Haus kommen?

Ja, bei ärztlich verordnetem Hausbesuch, wenn die Praxis aus medizinischen Gründen nicht aufgesucht werden kann.

Wie viele Behandlungen sind bei Senioren üblich?

Je Verordnung bis zu 6 (EX) oder 10 (ZN) Behandlungen. Bei langfristigem Heilmittelbedarf können Verordnungen für bis zu 12 Wochen ausgestellt werden.

Gibt es einen Zuschuss für Haltegriffe und Badumbau?

Bei Pflegegrad kann die Pflegekasse bis zu 4.180 Euro je Maßnahme zum Wohnumfeld zuschießen (§ 40 SGB XI).

Wie schnell entscheidet die Pflegekasse über einen Antrag auf Haltegriffe oder Badumbau?

Die Pflegekasse soll spätestens nach drei Wochen entscheiden, bei Einbeziehung von Pflegefachperson oder Medizinischem Dienst nach fünf Wochen (§ 40 Absatz 7 SGB XI). Meldet sie sich weder mit einer Entscheidung noch mit einer begründeten Mitteilung, gilt die Leistung als genehmigt.

Quellen

Zuletzt geprüft am 25.10.2026. Rechtliche und finanzielle Angaben können sich ändern.